Institute for Digital Business

Die schöpferische Kraft der Zerstörung

Von Reto Sidler, September 16, 2022

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Premortem ist ein mächtiges Instrument, um aus Fehlern zu lernen, ohne diese begehen zu müssen. Bei der Standortmarketing-Organisation Greater Zurich Area haben wir eine vergleichbare Methode eingesetzt, um den Wirtschafts­raum Zürich zu zerstören und ihn anschliessend als starke Marke wieder aufzubauen.

Gerade weil Fehler unvereinbar sind, müssen wir sie konstruktiv nutzen, das heisst frühzeitig erkennen, kritisch reflektieren und für künftige Vorhaben daraus lernen.

Was wie eine Binsenwahrheit klingt, hat Amazon-Gründer Jeff Bezos in einem Brief an die Aktionäre quasi zur Doktrin erhoben. Aus Misserfolgen zu lernen, gehört heute zum Standardrepertoire der meisten Organisationen. Sie nennen es Fehler- oder Lernkultur. Und sie haben eine Reihe von Werkzeugen im Einsatz, um aus gemachten Fehlern zu lernen – etwa die Root Cause Analysis, den Día de los muertos, das Pretotyping oder das Postmortem.

Letzteres stammt ursprünglich aus der Medizin. Pathologen analysieren post mortem, also nach dem Tod eines Patienten, welche Ursachen dazu geführt haben. Die gewonnenen Erkenntnisse helfen zwar dem Verstorbenen selber nicht mehr, wohl aber den Ärzten für künftige Behandlungen.

Im Nachhinein ist man immer schlauer? Besser: im Voraus!

Aber wäre es nicht viel besser, wenn der Patient gar nicht sterben müsste? Wenn wir also Fehler gar nicht machen müssten und wir trotzdem aus ihnen lernen könnten? Der amerikanische Psychologe Gary Klein hat in einem Artikel in der Harvard Business Review den Postmortem-Prozess aus der Medizin umgekehrt und als Premortem bekannt gemacht. Die Methode beruht auf der Erkenntnis, dass viele Projekte auch deshalb scheitern, weil zu viele Beteiligte in der wichtigen Planungsphase nicht bereit sind, ihre Vorbehalte zu äussern. Premortem wirkt dem entgegen und schafft ein sicheres Umfeld, in dem Bedenken geradezu gesucht werden.

Premortem beginnt mit einer gedanklichen Reise an einen genau definierten Zeitpunkt in der Zukunft. Die Teilnehmer der Gruppendiskussion stellen sich vor, ihr geplantes Projekt sei mit Pauken und Trompeten gescheitert. Es werden nacheinander Worst-Case-Szenarien fabriziert, Ursachen erforscht, Risiken priorisiert und Lösungen zur Abwendung der Risiken erarbeitet. Die systematische Schwarzmalerei soll also helfen, kritische Erfolgsfaktoren und mögliche Probleme eines Projekts zu identifizieren und frühzeitig Gegenmassnahmen zu entwickeln.

Den Wirtschaftsraum zerstören, um seine Attraktivitätstreiber zu finden

Bei der Standortmarketing-Organisation Greater Zurich Area AG (GZA) haben wir vor vier Jahren eine Form von Premortem eingesetzt – allerdings ohne der Methode diesen oder einen anderen Namen zu geben. Im Rahmen eines Strategieprozesses ging es darum, eine Markenpositionierung für den Wirtschaftsraum Zürich zu erarbeiten. Diese sollte attraktiv, differenzierend, glaubwürdig und zukunftsfähig sein. Eine der Aufgaben, die Mitarbeitende der GZA und Vertreter der Mitgliederkantone in mehreren Workshops bearbeiteten, lautete: «Was müsste man tun, um den Standort Greater Area Zurich dauerhaft zu schädigen und für das internationale Business unattraktiv zu machen?»

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Abb. 1: Zerstörung des Standorts Zürich im Rahmen einer Workshop-Übung (Quelle: GZA)

Die Ideen der Workshop-Teilnehmenden wurden diskutiert und in fünf Bereiche konsolidiert (siehe Abbildung 1). Anschliessend wurde jeder der Zerstörungstreiber ins Positive aufgelöst, um daraus die Attraktivitätstreiber der Standorts zu identifizieren (siehe Abbildung 2). Darauf aufbauend wurde im weiteren Verlauf des Strategieprozesses eine Nummer-1-Positionierung – die geballteste Technologiekompetenz im verlässlichsten Umfeld Europas – und weitere Elemente der Markenstrategie entwickelt, die sich bis heute bewähren und die uns als roter Faden zur Ansiedlung von zukunftsweisenden Unternehmen aus dem Ausland dienen.

Die Attraktivitätstreiber des Standortes Greater Zurich Area (GZA)

Abb. 2: Identifizierung von Attraktivitätstreibern im Rahmen einer Workshop-Übung (Quelle: GZA)

Auch wenn die Premortem-Methode bei der GZA mit einem anderen Ziel eingesetzt wurde als von den Erfindern vorgesehen (nämlich Fehler zu vermeiden), so haben wir uns doch einer ihrer wesentlichen Vorteile bedient. Sie erlaubt es, einfach und zuverlässig, kritische Erfolgsfaktoren zu identifizieren. Für mich ist Premortem ein hervorragendes Mittel, um durch eine «schöpferische Zerstörung» (nach Joseph Schumpeter) Innovationen zu suchen und erzeugen.

Lektüren/Quellen:

  • Klein, G., 2007, «Performing a Project Premortem», Harvard Business Review, Vo. 85 (9), S. 18–19
  • Schumpeter, J. A., 1931, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Leipzig, Duncker & Humblot
  • Summa, L. und Kirbach, Ch., 2019, «33 Werkzeuge für die digitale Welt», Redline Verlag, München, 2. Auflage, S. 164-169

 

Dieser Fachbeitrag wurde im Rahmen eines Leistungsnachweises für das CAS Digital Leadership verfasst und wurde redaktionell aufgearbeitet.

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